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Ensemble

Die M HKA-Sammlung betrachtet Kunst aus drei Blickwinkeln: Bild, Aktion und Gesellschaft. Obwohl kein einziges Werk ausschließlich unter einen dieser Nenner fällt, bilden sie praktische Anhaltspunkte für die Untersuchung der Besonderheit und Komplementarität unserer Sammlung. Bild, Aktion und Gesellschaft können als drei Achsen zusammengenommen den Raum eines Werks bestimmen: Jedes Performance-Kunstwerk hat eine Bildqualität, Sehen ist eine Aktion, und jedes Kunstwerk steht in irgendeinem Verhältnis zur Gesellschaft. So soll das Publikum durch diese Aufteilung vor allem aufgefordert werden, mit den Werken zu interagieren und neue Zusammenhänge zu schaffen.

 

Bild

Antwerpen hat eine lange Tradition im Erschaffen, Reproduzieren und Verbreiten von Bildern. So ist es Teil der Vorgehensweise der verschiedenen Künstler aus der M HKA-Sammlung, über ‚das Bild‘ nachzudenken. Bilder können auf weitere Bilder sowie auf die Art und Weise ihrer Entstehung verweisen.

Ab 1958 organisiert die Künstlergruppe G58 im Hessenhuis eine Reihe von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst mit lokalen und internationalen Künstlern, womit der Gedanke einer Antwerpener Avantgarde erneut zum Leben erweckt wird. Bei der Ausstellung Anti-Peinture im Jahre 1962 fertigt Jan Henderikse Houten groentekisten an. Er gehört der Künstlergruppe Nul an, die für ihre monochromen und seriellen Werke bekannt ist. Aufgrund seiner Handlungsfreiheit und des Einsatzes von Abfallprodukten ist Henderikse das am wenigsten strenge Mitglied der Gruppe.

Als wichtiger Vertreter des amerikanischen Minimalismus‘ möchte Dan Flavin Skulpturen auf ihr ureigenstes Wesen reduzieren. Untitled (to the real Dan Hill) 1b beeinflusst die Umgebung und regt zum Nachdenken über die Beziehung zwischen Licht und Raum an.

Im Sinne des Minimalismus‘ wirft Joëlle Tuerlinckx Fragen zu den Grundlagen der Kunst auf. Sie stützt sich auf die Vorstellung, dass Kunstwerke erst in den Gedanken des Betrachters entstehen. In Aux Dimensions de: quelque chose werden Objekte auf ihre mathematischen Verhältnisse reduziert. Tuerlinckx erkundet die Grenze zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Etwas und Nichts.

Raoul De Keyser nimmt die verschiedenen Elemente der Malerei unter die Lupe: Textur, Linienführung, Medium, Material und Format. Er kombiniert eine radikale Herangehensweise mit Intuition und Gefühl, und dadurch scheint in Zilver ein Stück Wirklichkeit durch.

Die Werke mit dem Titel Stilleven von Lili Dujourie verweisen auf die Traditionen der Kunstgeschichte. Auf den ersten Blick haben die abstrakten Collagen zwar nicht viel mit klassischen Stillleben gemeinsam, aber auch dort liegt der Schwerpunkt auf Komposition und Textur. Diese Reihe ist ein Vorbote von Dujouries späteren, eher räumlich ausgerichteten Thematisierung der Elemente der Kunsttradition.

Jan Vercruysse betrachtet kommunikative Ansätze in der Kunst mit Argwohn. Sein Werk untersucht sowohl form- als auch inhaltsbezogene Probleme und befasst sich mit Architektur und Theater. Die leeren Stühle von Les Paroles (III) verweisen auf das Fehlen einer Stimme, eines Gesprächs oder einer Debatte.

Marlene Dumas und Luc Tuymans sind Teil einer Künstlergeneration, die das Medium Malerei in den 1980er und 1990er Jahren als Methode, die sowohl Denken als auch Handeln umfasst, erneut in den Vordergrund gerückt hat. Beide Künstler gehen oftmals von bestehendem Bildmaterial aus, das sie in neue Bilder verwandeln. Sacrifice von Dumas stellt die heutigen Rassen-, Geschlechts- und Sozialidentitäten visuell in Frage und geht dabei von der menschlichen Figur aus. Tuymans verleiht der Erinnerung in ihrem Fluchtpunkt eines nachklingenden Bildes eine zentrale Stellung. In Vlaams dorp und IJzertoren richtet er sein Augenmerk auf inzwischen inhaltslose Symbole. Die gedämpften, verblassten Farben von Hotelkamer beschwören eine trübe Atmosphäre.

Cindy Sherman übt Kritik an der gegenwärtigen Bildkultur und deren Einfluss auf unsere Identität. Untitled No 121 A – wie in allen ihren Werken ist die Künstlerin darin persönlich abgebildet – thematisiert das Spannungsfeld zwischen Authentizität und Nachahmung, Individualität und Identifikation.

Dirk Braeckman erkundet in seinem Werk die Möglichkeiten des fotografischen Prozesses. Die unorthodoxe Kadrierung verstärkt den filmischen Effekt von CPS-100-0067-2002. Anstatt etwas zu verdeutlichen, verringern die Lichtreflexe die Lesbarkeit des Werks. Das Bild wird zu einem Abbild eines Bildes.

David Claerbout ist fasziniert, wie wir die Welt beobachten und wie unser visuelles Gedächtnis funktioniert. Bei Olympia (The real time disintegration into ruins of the Berlin Olympic stadium over the course of a thousand years), Start 2016, folgt das Bild den Wetterbedingungen in Berlin. Die Vegetation breitet sich immer weiter aus, und die Stein für Stein detailgetreue Darstellung zerfällt allmählich.

 

Aktion

Der Begriff ‚Aktion‘ bezieht sich auf die Performance-Kunst im engeren Sinne, aber auch auf die Kunst als ‚performative‘ Methode mit der Möglichkeit, die Wirklichkeit – und unsere Wahrnehmung dieser Wirklichkeit – zu verändern. Künstler experimentieren nun auch mit dem eigenen Körper, dem Zeitgeist oder dem Erwartungshorizont des Publikums.

Man kann sagen, dass die M HKA-Sammlung aus einer Aktion von Gordon Matta-Clark heraus entstanden ist. Für Office Baroque verwandelt er 1977 ein Gebäude am Ernest Van Dijckkaai in ein Kunstwerk, indem er geometrische Formen heraussägt.

Panamarenko nimmt im Kunstbild des M HKA eine zentrale Stellung ein. Bei den Happenings in den 1960er Jahren – spielerische Stadtauftritte im Zentrum von Antwerpen, an deren Organisation er beteiligt ist – vereinen sich Kunst und Leben. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre erschafft Panamarenko eine Reihe poetischer Objekte, Alltagsbilder aus Alltagsmaterialien. Mit Zwitserse Fiets aus dem Jahre 1967 tritt erstmals seine Faszination für Technologie zum Vorschein.

Auch James Lee Byars ist untrennbar mit der Antwerpener Avantgarde verbunden. The Giant entsteht aus der Faszination des Künstlers für Briefe und Text und ordnet den Künstler als Vagabunden und das Kunstwerk als vorübergehendes Geschehen ein. Bei einer Performance für das ICC, den Vorgänger des M HKA auf der Meir, präsentiert Byars dieselbe Form in einem kolossalen Maßstab.

Der anhaltende Einsatz des M HKA für Jan Fabre gründet sich auf die Performances, die als ‚Urquelle‘ seines gesamten sonstigen Werks betrachtet werden können. Bei der Performance Ik, aan het dromen untersucht der Künstler seinen Körper. Er schleift die Haut bis auf das Fleisch von seinen Beinen, so als würde er das Holz des Tisches abschleifen. Das Objekt wird zum Körper, der Körper wird zum Objekt.

Marina Abramović und Ulay testen zwischen 1975 und 1988 mit Performances ihr eigenes körperliches und mentales Durchhaltevermögen und das des anderen. Bei Rest Energy werden die Grenzen von Erschöpfung und Schmerz aufs Äußerste ausgereizt.

 

Gesellschaft

Unter dem Nenner ‚Gesellschaft‘ vereinen wir die politisch und sozial engagierte Kunst, aber auch die Kunst, die eher indirekt über die zwischenmenschlichen Beziehungen nachdenkt. Die Sammlung spiegelt gesellschaftliche Veränderungen wider und hat ihr Augenmerk im letzten Jahrzehnt vermehrt auf die multipolare Realität gerichtet.

Der Aktivist, Autor und Künstler Jimmie Durham vertritt die Auffassung, dass Europa nicht als eigenständiger Kontinent, sondern lediglich als Halbinsel von Eurasien zu betrachten ist. Nach dieser strikt geografischen, aber offenen Definition ist und bleibt Eurasien der Schwerpunkt beim künftigen Ausbau der M HKA-Sammlung. Mit A Dead Deer möchte Durham den Besucher zum Nachdenken über sich, die Welt und andere Kulturen anregen; dabei verweist er auf klischeebehaftete Bilder Weißer mit Blick auf die Indianerkunst.

Ilya Kabakov spielt eine wichtige Rolle im neuen Dialog, den die Sowjetunion in den 1970er Jahren mit der internationalen Avantgarde aufnimmt. In The Closet rückt den Menschen mit seinen bescheidenen Träumen und Wünschen, mit deren Hilfe er einer oftmals von Zwängen geprägten und komplexen Realität entfliehen kann, in den Mittelpunkt.

Auch das Werk von Michelangelo Pistoletto zeugt von einem gesellschaftlichen Fokus. Divisione e moltiplicazione dello specchio spiegelt sich, die Museumshalle und den Besucher wider und vervielfältigt das Ganze. Die Reflektion wird hier buchstäblich als Ursprung der Welt betrachtet, ein Bild, das auch alle Veränderungen unmittelbar aufnimmt.

Jef Geys macht subversive Gesten zu seiner Methode und seinem Material. Er fordert den Besucher auf, sich kritisch mit Kunst, der Kunstwelt und der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Mit dem Selbstporträt Zwarte overall rückt Geys die Vorstellung der Gesellschaft von einem Künstler in den Vordergrund, indem er sich in einem Register, das an einen Gefangenen, Verbrecher oder Terroristen erinnert, darstellt. Das Dreieck im von ihm gezeigten Davidstern ist in heraldischem Blau gehalten.

Thierry De Cordier wiederum denkt über das Verhältnis eines Künstlers zur Welt nach. Hoofdbreker, ein kopfloser Torso, der ein wenig an einen Berg erinnert, ist ein düsteres Werk über Einsamkeit, menschliche Einschränkungen und das Drängen nach Antworten.

Almagul Menlibayeva verbindet ihr Interesse an regionalen Traditionen mit ihrer Kritik an der offiziellen Identitätspolitik. Steppen Police ist eine romantische, melancholische und zu gleicher Zeit surrealistische Reflexion in Bezug auf die abrupten kulturellen Entwicklungen in ihrem Heimatland Kasachstan.

Für Oozewald verwertet Cady Noland ein Pressefoto des John F. Kennedy-Mörders Lee Harvey Oswald zu dem Zeitpunkt, als er von Jack Ruby niedergeschossen wird. Das Werk thematisiert das aktuelle Geschehen, Gewalt sowie die Rolle der Medien.

Otobong Nkanga macht auf eine Reihe der dringlichsten Probleme unserer Zeit aufmerksam. Infinite Yield handelt von den Beziehungen zwischen Landschaft, Mensch und Arbeit.

 

BIBLIOTHEK UND LESESAAL: BEMERKENSWERTE PRÄSENZEN

Eine Sammlung wächst auf organische Weise. Neben großen Linien und Kernreferenzen besteht sie außerdem aus Momenten und Präsenzen, die die Komplexität und den zufälligen Charakter der Sammlung vertiefen. Zwischen den Büchern im Lesesaal der Bibliothek finden Sie eine Reihe dieser bemerkenswerten Präsenzen aus der M HKA-Sammlung.

Madonna von Koen van den Broek ist eine abstrahierte Interpretation eines Werks von Jean Fouquet aus dem Jahre 1452. Das Werk stand im Mittelpunkt der Ausstellung Meesterwerken in het MAS, bei der das Bilddenken thematisiert wurde.

Compositie met dubbele lijn en blauw vlak (1934) – ein Werk aus der Sammlung von De Vleeshal in Middelburg – stammt von der von Mondrian beeinflussten Künstlerin Marlow Moss, die die Doppellinie in den Neoplastizismus eingeführt hat; die einfache Linie wirkte in ihren Augen statisch, antirhythmisch und wie ein Abschluss. Neben der klassischen schönen Kunst zeigt es einen zweiten symbolhaften Fluchtpunkt in der Sammlung auf: die radikale frühe Avantgarde.

Mobile Medium University (Floating UIA) ist eine der ersten architektonischen Vorlagen von Luc Deleu. Der Künstler spielt mit dem Gedanken, drei bunte Flugzeugträger einzusetzen, und dabei soll auf jedem Schiff das vollständige Studienangebot der Antwerpener Universität präsentiert werden.

Zonder Titel von Els Dietvorst ist ein Teil der monumentalen Installation Skull  – dabei handelt es sich um einen riesenhaften Schädel eines Neandertalers mit Zähnen in Form menschlicher Figuren – die sie bei der Biennale von Moskau im Jahre 2015 erstellt hat. Die Neandertaler lebten friedlich mit den neuen Einwanderern zusammen: dem Homo Sapiens. Das Werk ist ein Sinnbild für Migration und Respekt.

Mutation von Erbossyn Meldibekov verwandelt die klassische Lenin-Büste in einen ‚Kunst-Lenin‘ und einen ‚zentralasiatischen Lenin‘. Eigens für das M HKA ergänzt er die Reihe um einen ‚Lumumba-artigen Lenin‘: einen ‚belgischen Lenin‘.

Außerdem werden Werke u.a. von Evgeny Antufiev, Alain Arias-Misson, Charif Benhelima, James Lee Byars, David Claerbout, Vaast Colson, Rein Dufait, Jan Fabre, Hans-Peter Feldmann, Robert Filliou, NS Harsha, Suchan Kinoshita, Ivan Kožarić, Bernd Lohaus, Taus Makhacheva, Guy Mees, Jacqueline Mesmaeker, Nadia Naveau, Panamarenko, Ria Pacquée, Laure Prouvost, Timothy Segers, Koen Theys, Paul Van Hoeydonck, Anne-Mie van Kerckhoven, Ben Vautier, Franz West, Xu Zhen sowie eine Auswahl von Pré-Cinéma-Objekten aus der Vrielynck-Sammlung präsentiert.

 

VON FILLIOU BIS BIJL: KUNST ALS LEBEN

Im Raum an den Toiletten präsentieren wir eine Reihe von Künstlern aus der Sammlung, die die Grenze zwischen Kunst und Leben behandeln, problematisieren oder gar beseitigen wollen.

Das Happening fungiert als Galionsfigur der M HKA-Sammlung und ist stark verwandt mit Fluxus, einer Kunstform, die ab den 1960er Jahren zur Verschmelzung von Kunst und Leben beitragen möchte. Das selbsternannte ‚Genie ohne Talent‘ Robert Filliou stellt den Status des Kunstwerks immer wieder mit viel Humor in Frage. Ihm zufolge ist jeder ein Künstler, und es ist die Aufgabe aller Künstler, das zu zeigen.

Guillaume Bijl möchte den Zuschauer unmittelbar in die Kunst einbeziehen. Seine Installationen sind bisweilen eine Realität in der Nicht-Realität oder umgekehrt: Fiktionen in der Realität. Seine Werke sind hyperrealistisch, surrealistisch und zu gleicher Zeit tragikomisch.

Außerdem werden Werke u.a. von Paul De Vree, Anna Bella Geiger, Carlos Ginzburg, Rustam Khalfin, Martin Kippenberger, Léa Lublin, Eugenio Miccini, Luciano Ori, ORLAN, Anatoly Osmolovsky, Lamberto Pignotti, Sarenco, Nicolás Uriburu, Ben Vautier und Peng Yue präsentiert.

 

WERKE IM DIALOG MIT DEM GEBÄUDE

Einige Kunstwerke sind buchstäblich untrennbar mit dem M HKA verbunden. Eines der ersten im M HKA verwirklichten Kunstwerke ist Projet de toilettes pour le Musée de Mönchengladbach von Robert Filliou. Der Künstler fordert den Besucher auf, durch die Tür seiner Wahl – Herren, Damen oder Künstler – einzutreten.

Fahren Sie mit dem Aufzug ins vierte Stockwerk, treffen Sie auf ein weiteres Kunstwerk: De groeiende ladder von Hugo Duchateau. Dieses Kunstwerk wurde anlässlich der Eröffnung des Museums im Aufzugschacht aufgebaut.

Im Werk Zonder titel im M HKAFE verbindet Keith Haring die Bildsprache der Straßenkultur mit jahrhundertealten Themen und Symbolen. Die Wandmalerei, die er am Tag vor der Eröffnung des Museums im Jahre 1987 angefertigt hat, ist eines seiner wenigen öffentlichen Projekte in Europa, an denen der Zahn der Zeit nicht genagt hat.

Auf der Dachterrasse können Sie in Skyspace van James Turrell die räumliche Dimension von Tageslicht erfahren.

Mit der Renovierung des M HKA im Jahre 2009 wird an der Fassade eine Stelle für das von Christophe Terlinden entworfene Logo vorgesehen: M HKA ohne ‚u‘.

Das monumentale titellose Werk von Enrico David an der Fassade besteht aus zehn identischen, auf ein bloßes Linienspiel reduzierten Figuren mit sowohl weiblichen als auch männlichen Zügen, die den Blick zum Himmel richten.

Auch an weiteren Stellen in der Stadt sind nach wie vor Dauerwerke des M HKA zu bewundern, u.a. Quand le ciel est bas et lourd [When the Sky is Low and Heavy] von David Lamelas neben dem KMSKA in der Nähe der ehemaligen Galerie Wide White Space und natürlich das Panamarenko-Haus mit Hubschrauberlandeplatz in der Seefhoek.

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